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Die Ivermectin-Empfindlichkeit beim Collie steht in Zusammenhang mit
einem genetischen Defekt in der
Blut-Hirn-Schranke. |
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Der „Ivermectin-empfindliche Collie“ |
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In den zurückliegenden 20 Jahren sind zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen erschienen, in welchen über eine auffallende Überempfindlichkeit mancher Collies gegenüber dem Antiparasitikum Ivermectin berichtet wurde [1-4]. Die betroffenen Tiere zeigten gravierende neurotoxische Effekte bereits bei einer Dosierung von 100-150 µg/kg Körpergewicht, welche sich in Form von Bewegungs- und Koordinationsstörungen, Zittern, Benommenheit, Erbrechen, Desorientiertheit, Pupillenerweiterung und vermehrtem Speichelfluss äußerten [1-2]. Ab einer oralen Dosis von 200 µg/kg Körpergewicht kann es zu komatösen Zuständen und sogar zum Tod des Tieres kommen [3-5]. Für diese Subpopulation wurde in der Literatur der Begriff „Ivermectin-empfindlicher Collie“ geprägt. Bemerkenswert ist dabei, dass andere Collies und auch andere Hunderassen eine orale Ivermectin Gabe von 2000 µg/kg ohne klinische Zeichen einer Vergiftung vertragen [1,4,6]. Der genetische Hintergrund dieser unterschiedlichen Ivermectin-Empfindlichkeit war bisher völlig unbekannt und wird erst seit etwa drei Jahren von Gruppen in den USA (Washington), Frankreich (Toulouse) und Deutschland (Gießen) untersucht. |
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Was bewirkt ein Defekt in der Blut-Hirn-Schranke ? |
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An der Grenze zwischen Blutgefäßen und dem Nervengewebe stellt der sogenannte MDR1-Transporter (Multidrug-Resistenz) eine Schutzbarriere für das Gehirn dar. Er ist ein Teil der dort vorhandenen funktionellen Blut-Hirn-Schranke. |
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Auswirkung eines intakten (A) und defekten (B) MDR1-Transporters auf den Übertritt von Ivermectin in das Gehirn. Der Defekt im MDR1-Gen bei Ivermectin-empfindlichen Collies führt zu starken neurotoxischen Nebenwirkungen aufgrund einer erhöhten Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke. |
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Der MDR1-Transporter sitzt normalerweise auf der Oberfläche der Endothelzellen, das sind Zellen, die die Wände der Blutgefäße von innen auskleiden. An dieser Stelle sorgt er dafür, dass toxische Verbindungen und Arzneistoffe, wie das Antiparasitikum Ivermectin, in den Gehirnkapillaren zurückgehalten werden (Abbildung A). Besteht nun ein genetischer Defekt im MDR1-Gen geht diese Schutzfunktion verloren und Substanzen wie Ivermectin können ungehindert ins Nervengewebe übergehen (Abbildung B). Bei betroffenen Tieren treten daher nach der Verabreichung von Ivermectin starke neurotoxische Nebenwirkungen auf [7,8]. Aus Untersuchungen an Mäusen, bei welchen der MDR1-Transporter in der Blut-Hirn-Schranke bewusst ausgeschaltet wurde (sog. knock-out Mäuse), wissen wir, dass nicht nur Ivermectin, sondern auch zahlreiche andere Arzneistoffe bei betroffenen Tieren bis zu 90-fach mehr ins Gehirn übertreten als bei Vergleichstieren mit intakter Blut-Hirn-Schranke. Kommen diese Arzneistoffe (siehe Tabelle) in diesem Fall in Kontakt mit den Neuronen im Gehirn, treten völlig neue, unter Umständen auch lebensbedrohende neurotoxische Wirkungen auf [9]. |
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Arzneistoffe, welche bei einem Defekt im MDR1-Gen vermehrt ins Gehirngewebe übergehen können. Von diesen Arzneistoffen kann erwartet werden, dass sie bei der Therapie von Hunden mit defektem MDR1-Gen unerwartete Nebenwirkungen zeigen. Im Falle von Ivermectin und Loperamid wurde bereits über gravierende neurotoxische Effekte nach der Therapie betroffener Hunde berichtet [9]. |
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Arzneistoff |
Anwendung als... |
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Ivermectin |
Antiparasitikum |
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Loperamid |
Antidiarrhoikum |
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Digoxin |
Herzwirksames Glykosid |
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Vincristin, Vinblastin, Doxorubicin |
Zytostatika |
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Cyclosporin |
Immunsuppressivum |
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Grepafloxacin, Sparfloxacin |
Antibiotika |
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Ondansetron |
Antiemetikum |
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Chinidin |
Antiarrhythmikum |
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Ebastin |
Antiallergikum |
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Dexamethason |
Glucocorticoid |
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Vor einigen Jahren sind die genetischen
Sequenzen des MDR1 eines Beagles und eines Ivermectin-empfindlichen
Collies bekannt geworden. Zwischen beiden Sequenzen zeigt sich ein
kleiner, aber doch erheblicher Unterschied: Während der untersuchte
Beagle einen funktionsfähigen MDR1-Transporter bilden kann, fehlen in
der genetischen MDR1-Sequenz des Ivermectin-empfindlichen Collies vier
Erbbausteine. Dies führt dazu, dass der MDR1-Transporter gar nicht erst
gebildet wird und die Blut-Hirn-Schranke damit einen Defekt aufweist
[10,11]. Allerdings tritt dieser Fall nur ein, wenn der Defekt im MDR1
sowohl von väterlicher als auch von mütterlicher Seite her vererbt
wurde, und somit homozygot („reinerbig“) vorliegt. |
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MDR1-Defekt, was nun ? |
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Häufig löst die Nachricht über den Nachweis eines genetischen Defektes beim Hundebesitzer große Verunsicherung aus. Wir versuchen Sie daher, auf Grundlage der bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse, bestmöglich über die Konsequenzen dieses Defektes zu informieren. Über den aktuellen Stand der Forschung können Sie sich jederzeit auf der Hompage unseres Institutes informieren (http://www.vetmed.uni-giessen.de/pharmtox/index.html). Bei einem Testergebnis MDR1 (-/-) sollten sie Folgendes beachten: |
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1. |
Nach derzeitigem Kenntnisstand gehen wir davon aus, dass betroffene Hunde im normalen Leben keinerlei Einschränkungen zu befürchten haben. Sofern ihr Hund also gesund ist, müssen sie keine weiteren Vorsichtsmaßnahmen treffen. |
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2. |
Allerdings ist bekannt, dass die Behandlung mit bestimmten Medikamenten erhebliche Probleme bereiten kann. Dabei kann es sogar zu Todesfällen kommen. Wissenschaftlich beschrieben sind bei Hunden mit homozygotem MDR1-Defekt (-/-) Intoxikationen mit Ivermectin (ab 100 µg/kg Körpergewicht, oral) und Loperamid (140 µg/kg Körpergewicht, oral) [1-5,13]. |
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3. |
Präparate aus den Substanzgruppen der Avermectine und Milbemycine, welche nicht für die Anwendung am Hund zugelassen sind, sollten nicht verwendet werden. Darunter fallen Ivermectin (z.B. Ivomec, Eqvalan, Eraquell, Virbamec, Equimax oder Optimectin), Doramectin (Dectomax), Eprinomectin (Eprinex) und Moxidectin (Cydectin, Equest). |
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4. |
Ein für den Hund geeignetes Präparat aus der Gruppe der Avermectine ist Selamectin (Stronghold), welches zur Applikation auf die Hautoberfläche mit einer Dosierung von 6-12 mg/kg Körpergewicht zugelassen ist. Die Sicherheit dieses Präparates wurde bei Ivermectin-empfindlichen Collies getestet. Dabei wurden keine klinischen Zeichen einer Intoxikation beobachtet [14,15]. Eine Überdosierung über die vom Hersteller empfohlene Dosierung hinaus (6-12 mg/kg) sollte dennoch vermieden werden. Das Präparat sollte nicht oral verabreicht werden und ist für diese Applikation auch nicht zugelassen. |
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5. |
Aus der Gruppe der Milbemycine sind zwei Präparate zur Anwendung am Hund zugelassen: Milbemax (Milbemycinoxim + Praziquantel) und Program PLUS (Milbemycinoxim + Lufenuron). Die seitens der Hersteller-Firma empfohlene Dosierung beträgt 0,5-2,5 mg (Milbemax) bzw. 0,5-1,0 mg Milbemycinoxim (Program PLUS) pro kg Körpergewicht. In einer Studie entwickelten Ivermectin-empfindliche Collies ab einer Dosierung von 5 mg/kg deutliche Zeichen unerwünschter Nebenwirkungen (Abgeschlagenheit, Bewegungs- und Koordinationsstörungen, vermehrter Speichelfluß) [16]. Aufgrund der geringen therapeutischen Breite sollte die Anwendung dieser Präparate mit großer Vorsicht erfolgen. |
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6. |
Über die weiteren in der Tabelle auf Seite 2 aufgeführten Arzneistoffe liegen noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die Verträglichkeit bei Hunden mit defektem MDR1-Gen vor. Auf Grundlage von Versuchen, welche an MDR1-defekten Mäusen durchgeführt wurden, kann für diese Arzneistoffe aber auch beim Hund ein vermehrter Übertritt ins Gehirn vermutet werden, was entsprechende unerwartete Nebenwirkungen nach sich ziehen könnte. |
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Aufgrund zahlreicher Anfragen zum Vererbungsgang und zum Umgang mit dem MDR1-Defekt bei der Zucht soll auch dieses Thema hier kurz zur Sprache kommen. Der MDR1 Genotyp eines Hundes ergibt sich aus der Kombination eines von väterlicher (+ oder -) und eines von mütterlicher Seite (+ oder -) vererbten Merkmales. „+“ steht dabei für ein intaktes MDR1 und „-“ für ein defektes MDR1-Gen. |
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Der Genotyp eines Nachkommens ergibt sich aus dem Genotyp der Elterntiere. Angegeben ist die theoretische Wahrscheinlichkeitsverteilung einzelner Genotypen in der Nachkommengeneration. Nur Nachkommen, welche den MDR1-Defekt von väterlicher und mütterlicher Seite erben, sind von dem Defekt betroffen (-/-). |
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MDR1-Genotyp des Rüden |
MDR1-Genotyp der Hündin |
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Nicht betroffen(+/+) |
Merkmalsträger (+/-) |
Betroffen (-/-) |
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Nicht betroffen (+/+) |
100 % (+/+) |
50% (+/+), 50% (+/-) |
100% (+/-) |
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Merkmalsträger (+/-) |
50% (+/+), 50% (+/-) |
25% (+/+), 50% (+/-), 25% (-/-) |
50% (+/-), 50% (-/-) |
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Betroffen (-/-) |
100% (+/-) |
50% (+/-), 50% (-/-) |
100% (-/-) |
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Für den MDR1-Genotyp eines Hundes gibt es also drei
verschiedene Kombinationsmöglichkeiten beider Merkmale: Nicht betroffen
(+/+), Merkmalsträger (+/-) und Betroffen (-/-). Ist nun der
MDR1-Genotyp zweier Zuchttiere bekannt, kann bereits eine Voraussage über
die MDR1-Genotypen der Nachkommengeneration getroffen werden. Betroffene
Tiere (-/-) entstehen dabei aus der Kreuzung der Genotypen „+/-“ und
„+/-“ mit 25% Wahrscheinlichkeit, „+/-“ und „-/-“ mit 50%
Wahrscheinlichkeit oder „-/-“ und „-/-“ mit 100%
Wahrscheinlichkeit. Will man allerdings in der Zucht ausschließen, dass
vom MDR1-Defekt betroffene Tiere geboren werden, müssen die Zuchttiere
die Genotypen „+/+“ und „+/-“ oder „+/+“ und „+/+“
aufweisen. |
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Genotypisierung des MDR1-Defektes einer reinrassigen Collie-Familie. Aus einer Blutprobe der Hunde wurde das Erbgut isoliert und dieses gezielt auf den MDR1-Defekt getestet. In der hier gezeigten Familie sind alle möglichen Genotypen (+/+, +/- und -/-) vertreten. Kreise repräsentieren weibliche Tiere, Kästchen stehen für männliche Tiere. Eine halbe weiße Fläche repräsentiert „+“ (intaktes MDR1) und eine halbe schwarze Fläche „-“ (defektes MDR1). Der Genotyp des Rüden war unbekannt. Aus dem Vererbungsgang kann jedoch der Genotyp „+/-“ abgeleitet werden. |
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Für die Untersuchung wird 1 ml EDTA-Vollblut benötigt, welches von einem Tierarzt abgenommen werden muss. Schicken Sie die Blutprobe in einem gepolsterten Briefumschlag an eine der folgenden Adressen: |
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Genocanin
Universität Kassel Die Kosten für den Test belaufen sich auf ca. 34,90 Euro (ohne Blutentnahme).
LABOKLIN
GmbH & Co.KG Die Kosten für den Test belaufen sich auf ca. 35,70 Euro (ohne Blutentnahme).
JUSTUS-LIEBIG-UNIVERSITÄT GIESSEN
Institut für Pharmakologie und Toxikologie Die Kosten für den Test belaufen sich auf ca. 86,00 Euro (ohne Blutentnahme). |
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Vermerken Sie in einem Begleitschreiben ihren Namen und ihre Anschrift sowie Name, Alter, Rasse und Geschlecht ihres Hundes. Bitte geben sie auch an, ob bei Ihrem Hund bereits eine Arzneimittelunverträglichkeit bekannt ist.
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Literatur |
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1. Paul AJ, Tranquilli WJ,
Seward RL, Todd KS, Jr., DiPietro JA. 1987. Am J Vet Res 48:684-685. |
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Neben den bekannten Wirkstoffen nun weitere aus der neuen
Studie der University of Washington: Auch die Erbträger, die +/- Hunde können Vergiftungserscheinungen
nach normalen Dosen von Loperamid (Imodium), einigen
Antikrebsmedikamenten und hohen Dosen von Ivermectin (mehr als 50 mg/kg
Körpergewicht) zeigen! Die Vermutung liegt nahe, dass auch
Narkosemittel nicht vertragen werden. |