Liebesschwüre und so heiter

Nicht das Gefühl, den Tod unseres letzten Hundes, eines Langhaardackelmädchen, bereits verwunden zu haben, ließ den Wunsch entstehen, wieder ein Fellkind in unserer Familie aufnehmen zu wollen, sondern genau das Gegenteil war die Ursache; wir konnten den Verlust unseres langjährigen Familienmitgliedes einfach nicht überwinden.                            Getreu dem Wahlspruch "Einmal Dackel, immer Dackel!" war unsere Lady zwar die dritte Vertreterin dieser Rasse in unserer Familie, durch ihr Wesen jedoch hatte sie sich von den Vorgängerinnen derart unterschieden, dass sie zweifellos die am meisten geliebte war.

Es gibt da eine rigorose Ansicht in Bezug auf "Ersatz", allerdings bezogen auf den Verlust eines geliebten Menschen. Da heißt es: "Wer jemals an Ersatz gedacht hat, der hat nicht wirklich geliebt."                                                                                                 Wie gesagt, sehr rigoros.

Wer aber das Glück hat oder auch hatte, mit einem Haustier sein Leben teilen zu können oder es geteilt zu haben, der versteht, dass dieser "Ersatz-Gedanke" einem große Probleme schaffen kann, selbst, wenn es sich "nur" um ein Tier handelt.                                  Ersatz in Person eines neuen Dackelkindes war also undenkbar. Die Vorstellung jedoch, nie mehr durch fröhliches Bellen begrüßt zu werden, die Stille der Wohnung als quälend zu empfinden und auf die wunderbaren Spaziergänge mit Mäuschen-Suchen für immer verzichten zu müssen, war schrecklich und ebenfalls undenkbar.

Die Lösung lag in der Überlegung, dass das Andenken nicht beschädigt würde, wenn man sich für eine andere Rasse entscheiden könnte.

Und so geschah es.

Ihre Vorfahren stammen von den Shetland-Inseln. Sie selbst wurde hier geboren, vertritt die seltene Rasse der Shelties, der Mini-Collies und heißt "Fee". Die bekannte Behauptung "nomen est omen" "Der Name ist Vorbedeutung", wurde wohl kaum jemals besser bestätigt als durch sie. In den knapp zwei Jahren, die sie nun mit uns lebt, hat diese Fee soviel Menschen groß und klein mit ihrem bildschönen, zierlichen Gesichtchen, ihrer unglaublich sanften und zärtlichen Art, ihrer hohen Intelligenz und rasanten Beweglichkeit für sich eingenommen, dass man einfach nur staunend von einem Feen-Zauber reden kann.      Sowohl Erwachsene als auch Kinder, die, wie sie sagten, generell Angst vor Hunden gehabt hatten, verloren ihre Scheu. Sie freuen sich, wenn sie ihr begegnen und genießen es, sie dann ausgiebig zu streicheln.

Möglicherweise erweckt die Art meiner begeisterten Beschreibung dieses Fellkindes beim Leser oder Zuhörer den falschen Eindruck, ich gehöre ganz offensichtlich zu jener Kategorie von Hundemüttern, wie es sie auch als begeisterte junge Mütter von Menschenkindern gibt, wo jede glaubt, ihr Kind sei das Schönste oder Begabteste.                                         Das ich Fees Qualitäten jedoch zu Recht hervorhebe, mag man daran erkennen, dass ich den Mut habe, von einem heimlichen Geständnis zu berichten, das meine Tochter und ich uns gegenseitig gemacht haben. Obwohl wir von der Scham unseres Verrats und einem wirklich schlechten Gewissen gegenüber dem verstorbenen, meist geliebten Dackelmädchen geplagt vielleicht doch hören, zu äußern, dass wir niemals einen süßeren Hund gehabt hätten und auch niemals ein Fellkind mehr geliebt hätten als die Jetzige.

Nicht selten, wenn wir mit Fee unterwegs sind, begegnen uns Menschen, die wir nicht kennen, jedoch alle kennen Fee! Zu sagen, sie sei bekannt wie ein bunter Hund, wäre einfach zu ordinär, denn was uns immer wieder erstaunt, ist nicht nur die Tatsache, dass alle sie kennen, sondern, und das ist der Unterschied zu einem "bunten Hund", dass sie sich der ungeteilten Sympathie erfreuen darf. Begeisterungsbezeugungen aller Art werden formuliert, die sogar unlängst in Liebesschwüre gipfelten, wovon ich einfach erzählen muss!

Hinter unserem Haus befindet sich eine kleine parkähnliche Anlage mit Bäumen, Büschen, Bänken, einem Fußballplatz für die größeren Kinder und einem Kinderspielplatz, dessen Zentrum ein riesiges, rotes Spinnenturngerät ist. Bei schönem Wetter ist dort viel Betrieb und die Luft erfüllt vom Schall des vielstimmigen, fröhlichen Schreiens, Rufens, Johlens und Lachens der Kinder, das durch die besondere Anordnung der Häuser auch noch als Echo reflektiert wird. Alle sind beschäftigt, alle haben was zu tun!

Das gilt jedoch nur solange, bis eines der Kinder meinen Mann entdeckt, der mit Fee vom Rundgang durch den nahen Wald heimkehrt und jetzt wieder an der Wiese des Spielplatzes vor unserem Haus angekommen ist.

Ein kleiner Junge, noch nicht in der Schule, wie sich später herausstellt, springt von der Krabbel-Spinne und während er quer über die Wiese auf meinen Mann zu rennt, ruft er: "Fee-e, Fee-e!"

Das ist das Signal. Die übrigen Kinder lassen die Spinne Spinne sein und laufen hinterher. Jedes der Kinder möchte Fee auf sich aufmerksam machen und so ertönt ihr Name wirklich pausenlos in allen Variationen und Lautstärken bis hin zum hysterischen, schrillen Schreien von "Feechen", "Feeli" und "Feelein". 

Die Kinder wissen, dass Feeleins große Leidenschaft das Apportieren des Stöckchens ist. Also werden nun Stöckchen gesammelt, bis jeder vier oder fünf Stück hat, die unter unsäglichem Geschrei und Gequietsche in alle Richtungen geworfen werden. Fee könnte sich schier zerteilen. Die Kinder schreien immer wieder ihren Namen und versuchen, sie zu streicheln. Obwohl Fee das Streicheln eigentlich sehr liebt, dreht sie sich jedoch bei diesem Andrang immer wieder mit großer Geschmeidigkeit aus den Armen der Kleinen, die aber nicht aufgeben und sie mit großem Geschrei verfolgen, sie jedoch nicht einzufangen vermögen. Feelein ist einfach zu schnell.

Die eine oder andere Nachbarin erschein auf dem Balkon, um dem fröhlichen Spielgetöse zuzusehen, dessen Lautstärke, die Bellfreudigkeit des Hundes eingeschlossen, sie glücklicherweise zumindest nicht stört. Das geht so eine halbe Stunde, dann lässt sich Fee zwischen den Beinen meines Mannes fallen, der nun eine Pause ansagt.

Ein kleiner, schwarzhaariger Wicht mit rotem Pullover, offensichtlich ausländischer Herkunft, fragt meinen Mann nach dem Sinn des Wortes "Pause". Während nun mein Mann ihn in die Geheimnisse der deutschen Sprache einzuweihen versucht und ihm den Unterschied zwischen "Pause" und "Päuschen" erklärt, lässt sich Björn, so heißt jener noch nicht eingeschulte Junge, der meinen Mann und Fee zuerst gesichtet hatte, auf die Knie fallen, um dann beide Arme ganz fest um unser Fellkind zu schlingen, damit es sich nicht aus seiner Umarmung lösen kann. Er legt seinen Kopf auf Fees Rücken und streichelt sie unaufhörlich mit seiner kleinen Wange. Die anderen Kinder möchten den Hund nun auch anfassen und es entsteht ein regelrechtes Gerangel beim Verteilen der Zärtlichkeiten. Da Klein-Björn Feelein nicht loslässt, müssen sich die übrigen Kinder mit Fees Kopf und Hinterteil begnügen.

Ich beobachte das Ganze vom Balkon aus und gebe meinem Mann ein Zeichen, dass das Essen fertig ist. Klein-Björn, der mitbekommen hat, dass mein Mann jetzt gehen wird, fragt ihn: "Kommst du morgen wieder?" Mein Mann nickt und Klein-Björn, noch immer auf den Knien liegend und den Hund umfassend, legt seinen kleinen Kopf nun ganz weit nach hinten, um an meinem Mann empor schauen zu können. Dann sagt er in einem Ton, der meinem Mann einfach klarmachen muss, dass er nicht anders kann, als mit Feelein wiederzukommen: "Ich liebe nämlich Feelein!" - Er sagt nicht etwa kindgemäß: "Ich hab´ Feelein lieb", er sagt tatsächlich: "Ich liebe nämlich Feelein."

Mit solch entschiedener Aussage, denke ich schmunzelnd, wird er zweifellos später jeden angehenden Schwiegervater sofort von der Lauterkeit seiner Absichten überzeugen können.

Mein Mann wendet sich zum Gehen, Klein-Björn lässt Feelein los, erhebt sich und trottet neben ihr mit um die Ecke zur nahen Haustür. Interessiert betrachtet er alle Klingelknöpfe. Da er noch nicht lesen kann, fragt er, welcher denn Feeleins Klingelknopf sei. "Warum willst du das wissen?", fragt mein Mann. "Damit ich morgen Feelein zum Spazierengehen abholen kann."

Einerseits übertragen wir natürlich keinem Kind die Verantwortung für unseren Hund, anderseits erlaubt sein gütiges Herz meines Mannes nicht, das dem Kleinen etwa zu sagen.

Was tun? Mein Man schweigt und grübelt.

Klein-Björn bleibt hartnäckig und fragt wieder nach Feeleins Klingelknopf. Mein Mann möchte natürlich vermeiden, dass der Kleine womöglich am nächsten Tag Sturm schellt und rettet sich durch eine List. Er zeigt auf einen großen Knopf, der sich unter dem Quadrat aus weißen Klingelknöpfen hervorhebt und bei Betätigung keinerlei Geräusch entwickelt. Jener schwarz umrandete, dicke, rote Knopf ermöglicht es nämlich, noch vor der Haustür stehend, bereits das Licht im Treppenhaus einschalten zu können...

Klein-Björn betrachtet den dicken Knopf.

"Das ist Feeleins Klingel?", fragt er noch einmal nach.

Mein Mann nickt.

Ob am Folgetag ein kleiner Junge an der Haustür erschien und in der Nachbarschaft unerklärbare Lichtzeichen aus unserem Treppenhaus zu beobachten waren, vermag ich nicht zu sagen. Ich jedenfalls habe nichts bemerkt.

Am Nachmittag dieses Folgetages jedenfalls ist alles wieder wie am Vortag.

Die Kinder schreien und toben um Feelein herum. Klein-Björn liegt wieder auf den Knien, aber praktiziert nun eine andere Zärtlichkeitsvariante. Zwar umschlingt er den Hund mit dem linken Arm, um ihn am Weglaufen zu hindern, dafür jedoch streicht er mit einem kleinen Stück Ast unaufhörlich über sein Fell und erklärt meinem Mann, dass er ihn kämme und fein mache. Plötzlich steht Björn auf, läuft einen kleinen Hang hinauf, pflückt ein Gänseblümchen und hantiert daran herum. Obwohl ich das Ganze von höherer Warte aus verfolgen kann, ich stehe nämlich wieder auf dem Balkon, vermag ich dennoch nicht festzustellen, was der Kleine vorhat. Das Blümchen jedenfalls überlebt seine Designversuche nicht, wird weggeworfen und ein Neues gepflückt. Er steigt den Hang wieder herunter, fällt neben Fee auf die Knie, steckt ihr das Gänseblümchen hinter das Ohr und sagt zu meinem Mann: "Ich habe mein Feelein geschmückt."

Wieder gebe ich das Zeichen zum Essen, wieder wendet sich mein Mann zum Gehen, wieder trottet Klein-Björn mit. Diesmal adressiert er sich direkt an Fee und sagt wirklich ganz, ganz zärtlich: "Feelein, ich liebe dich!"

Natürlich begleitet er sein Schätzchen wieder bis zur Haustür.

Nachdem diese sich hinter Hund und Herrchen geschlossen hat und die beiden gerade die ersten Treppenstufen genommen haben, hört mein Mann hinter sich ein Geräusch. Er dreht sich um und entdeckt, dass jemand an der Haustür von außen die Klappe des großen Gemeinschaftsbriefkastens geöffnet hat.

Klein-Björns Mund wird in der Öffnung sichtbar. Sehnsuchtsvoll haucht er ein letztes Mal durch den Briefschlitz; "Feelein, ich liebe dich."

Mein Mann kommt hoch und nachdem er diesen Schlussakkord erzählt hat, sind wir richtig gerührt, müssen dann aber doch sehr amüsiert lachen.

"Ich habe in meinem Archiv sehr hübsche Fotos von Fee", sage ich zu meinem Mann. "Ich werde eines heraussuchen, das du dem Kleinen morgen schenken kannst, dann kann er seine Fee auch zu Hause betrachten. Ich werde meinen Adressaufkleber anbringen, damit seine Eltern nicht denken, da habe sich ein Bösewicht an ihr Kind heran gemacht."

Gesagt, getan und auf dem Flur an eine Vase gelehnt, um nicht vergessen zu werden.

An nächsten Tag ist mein Mann bereits von seinem Rundgang zurück, als ich entdecke, das Foto noch immer an der Vase lehnt.

"Hast du das Foto vergessen?" frage ich ihn. "Nein", antwortet er. "Ich habe den Kleinen heute nirgendwo gesehen!" 

Da unser schlauer Hund gewisse Zusammenhänge zwar durchaus erfassen kann, nicht aber für tief schürfende Schlussfolgerungen geschaffen ist, fühle ich mich nach dieser Information verpflichtet, stellvertretend für ihn, Erstaunen und Enttäuschung über den unzuverlässigen Verehrer nicht nur zu verspüren sondern auch ausgiebig zu äußern und meinem Fellkind dazu noch eine Lehre fürs weitere Leben mit auf den Weg zu geben.

"Feelein!", rufe ich, "Komm mal zur Mama! - "Weißt du", sage ich zu ihr, nachdem sie sich elegant auf die Couch neben mich gelegt und ihre schlanken, weiße Vorderläufe graziös gekreuzt hat, wie es ihre Gewohnheit ist, "Mama wird dir jetzt etwas über Männer erzählen, hör gut zu!"

Mit einem Seitenblick auf meinen Mann, der erwartungsvoll schmunzelnd im Türrahmen erscheint, sage ich: "Weißt du Feelein, es gibt da zwei Sorten von Männern. Da sind die einen, die 20 Jahre brauchen, bis sie dir endlich ein winziges Zettelchen schreiben, auf dem dann <Du, meine große Liebe> steht!"

Das Schmunzeln meines Mannes verstärkt sich und ich fahre mit meiner Belehrung fort.

"Diese Sorte Männer", sage ich, "zählt vielleicht nicht unbedingt zu den Kommunikativsten, aber sie meinen wenigstens, was sie schreiben, wenn sie es denn endlich mal schreiben und sie meinen auch, was sie sagen! Auf die ist Verlass! - Dann ist da noch die andere Sorte, von der du jetzt leider einen Vertreter kennen gelernt hast. Sie fallen vor dir auf die Knie, natürlich nur dann, wenn eine Unterlage, z.B. eine Wiese, sie erwartet, sie pflücken dir Gänseblümchen, um dich damit angeblich zu schmücken, in Wirklichkeit aber umarmen sie dich dabei so fest, dass dir die Luft ausgeht und du dich am liebsten aus diesem Klammern herauswinden möchtest. Natürlich begleiten sie dich auch nach Hause und hauchen dir schließlich noch Zärtlichkeiten durch den Briefschlitz nach, aber nur aus Eitelkeit, um festzustellen, ob sie dich nachhaltig genug beeindruckt haben, dass du auch wirklich in deine Wohnung gehst und nicht am Ende noch einen Umweg zu weiterer Zerstreuung planst. Am nächsten Tag aber geht es dir wie heute. Du guckst dir Blutblasen in die Augen und wartest vergeblich am gewohnten Ort. Diese Schlingel siehst du nie wieder, also Finger weg.

Sie geh`n nur eben mal ums Eck, hol`n Zigaretten und sind weg."

Feelein hat ihre langen, schlanken Vorderläufe noch immer elegant gekreuzt und erweckt den Anschein, zugehört zu haben.

Nachdem ich meine Ansprache beendet habe, senkt sie langsam den Kopf, legt ihn ganz flach auf die Vorderläufe und schließt die Augen.

Müdigkeit oder doch Sehnsucht? Das ist hier die Frage!

Night Fairy of Atocha 

Diese Kurzgeschichte wurde von der Kunstmalerin und Autorin Bruni Braun verfasst

 und mir freundlicherweise für meine Homepage zur Verfügung gestellt.